Regattabericht Trofeo Città di Jesolo 2021

von Urs Infanger

Vorstellung eines Neumitglieds

Im Januar 2021 wurde ich Mitglied in der Deutschen Klassenvereinigung des 2.4mR. 
Dies, da wir in der Schweiz keine eigene Klassenvereinigung haben.

Ich bin 47 Jahre alt und Vater von 4 Kindern (18, 16, 5, 2). Beruflich bin ich in der nautischen Branche tätig und leite einen kleinen Familienbetrieb in 3. Generation, welcher sich mit Propellern und Antriebsanlagen von Motor- und Segelbooten befasst.

Seglerisch führte mich mein Weg vom Opti über den 420er zur Motte, dann folgte ein Unterbruch von ein paar Jahren. Später dann Starboot und A-Cat. Gleichzeitig durfte ich immer mal wieder auf größeren  Segelbooten an Regatten aushelfen, wenn Personal fehlte.

Hängengeblieben bin ich beim Starboot, wo wir ca. 4 – 5 Regatten pro Jahr bestreiten, und jetzt eben neu auch beim 2.4mR.

Vorgeschichte zum 2.4mR

Angestiftet von einem Starboot-Kollegen aus Paris, Loic Eonnet, wurde ich im Sommer 2020 auf die Klasse 2.4mR aufmerksam. 
Im Lockdown hatte ich viel Zeit für Internet und Youtube, und bald war ich ein Fan dieses kleinen, anspruchsvollen Bootes mit seinen wunderschönen Linien.

Im August 2020 habe ich einen kurzen Besuch in Münster bei Stefan gemacht, um erstmals ein solches Boot in natura zu sehen. Das damals einzige verfügbare Gebraucht-Boot hat mir aber nicht zugesagt. Nach etwas Suche wurde ich in Nordengland fündig, einigte mich mit dem Verkäufer und trat die Reise nach England an. Volle fünf Tage benötigte ich für die Abholung des Bootes, natürlich auch gespickt mit gewissen Nebenschauplätzen wie Quarantäne-Vorschriften, Einreisevisum, Verzollung, Herstellernachweis und so weiter.

Anfangs September war das Boot in der Schweiz, wo ich einmal einwasserte und ein paar Stunden segelte. Im Oktober reiste ich an den French Cup nach Paris, wo ich nach zwei Trainingstagen an der Regatta teilnehmen konnte. Es folgte ein langer Winter ohne Segeln, und nun endlich die erste „richtige“ Regatta auf dem Meer!

Anreise

Als Zentralschweizer (Vierwaldstättersee) liegt Italien natürlich günstig, die Anreise von 530 km ist gut machbar. Geplant war, am Morgen früh loszufahren, das Boot beim Club hinzustellen und dann ins Meer Baden zu gehen, ein (paar) Apérol Spritz zu geniessen und nett zu Essen.

In der Realität war es jedoch etwas anders. Eine Vollsperrung der Autobahn wegen eines tragischen Unfalls mit einem Lastwagen in Bergamo führte zu einer ersten Zeitverzögerung von 2 Stunden. Ich vermute, dass ich mir beim Durchfahren des Trümmerfeldes einen Schaden an den Reifen zugezogen habe, denn etwa 50km später platzte der Reifen des Anhängers komplett auf. Natürlich an einer Stelle ohne Pannenstreifen! Der Sovereign-Slipwagen-Anhänger hat sich aber als wahrer Meister dieser Situation gezeigt. Der Anhänger sinkt zwar runter, wird aber teilweise durch das Rad vom Slipwagen abgestützt. Ich konnte mit 20 km/h weiterfahren, bis ich endlich eine Lücke fand, um hinter die Abschrankung einer Baustelle zu fahren. 

Dort dachte ich erst, alles kein Problem, habe ja ein Reserverad. Leider stellte sich heraus, dass mein Zugfahrzeug über keinen Wagenheber verfügt, was mir vorher nicht bewusst war. Somit war also an ein Radwechsel nicht zu denken. Der verständigte Pannendienst benötigte satte 4 Stunden um zu erscheinen, eine richtige Nervenprobe! Aber schlussendlich konnte ich weiterfahren. Statt am Mittag in Jesolo anzukommen, war es dann abends um 8 Uhr. Nichts mit Baden und Apérol, nur noch Essen und Schlafen.

Regattatag 1

Der Hafen von Jesolo ist beeindruckend: vorbei an tollen Segel- und Motoryachten kommt man zum Clubgelände. Eine wirklich schöne, gepflegte Anlage!

Der Regattaplatz ist grosszügig dimensioniert, das Boot aufzustellen und einzuwassern gelang problemlos. Das Einfädeln gewisser Leinen bereitet mir noch Mühe, den Niederholer muss ich immer noch auf Fotos nachschauen um ihn wieder zu verstehen! Auch muss ich oft die Grossschot mehrmals einfädeln bis sie zufriedenstellend läuft. Aber das wird sicher mit jedem Mal besser.

Nach der Anmeldekontrolle gab es ein kleines Skippermeeting, und dann liefen wir auch schon zum ersten Regatta-Tag aus. Überrascht war ich, dass jeder Segler ein Lunchpaket bekam. Sehr nett und aufmerksam, so macht Regattieren noch mehr Freude!

Eine wirklich tolle Erfahrung war das Auslaufen: raus aus dem Hafen durch eine Hochwasser-Schleuse in den Fluss, und dann begleitet von einem Motorboot den Fluss hinunter, geschätzte 800 Meter bis zum Meer. Zuerst konnte ich gut mit den anderen Booten mithalten, plötzlich segelten mir alle davon. Ich war kurz vor dem Verzweifeln, ein Blick nach hinten zeigte dann, dass ich ein komplettes Seegras-Feld mitzog. Kurz rückwärts segeln, Problem gelöst, Boot läuft wieder. 

Bei der Mündung des Flusses trifft sich die Meeresströmung mit der Flussströmung. Eine fiese Welle baut sich dort auf, und schon begreife ich, warum die meisten anderen mit Oelzeughosen unterwegs waren. Mit meinen kurzen Hosen war ich von diesem Moment an nass bis auf die Wäsche. Aber es war ja warm und deshalb kein Problem.

Der erste Lauf wurde gestartet. Vom Starboot her bin ich mir das Starten in Feldern ja gewohnt. Also gut rausgekommen, von da an nur noch auf Dreher und Bootshandling geschaut. Die Wellen waren zwar nicht sehr hoch, aber wenn man das erste Mal mit diesem kleinen Boot auf dem Meer ist, schon ungewohnt. Für das Beobachten der Konkurrenten hatte ich gar keine Zeit. Als die Luvboje kommt, bin ich überraschenderweise in Führung. Jetzt nur noch sauber verteidigen und weiterfahren. Der Lauf wurde abgekürzt, nach dem Vorwind war auch schon das Ziel. Aber in meiner grenzenlosen Nervosität habe ich doch tatsächlich die Zielboje mit dem Baum berührt. Also nochmal drehen, aufkreuzen (Mann, diese doofe Gegenströmung) und nochmal richtig ins Ziel fahren. Immerhin noch Zweiter, aber ärgerlich war das schon. Aber was solls, es gibt ja noch 5 Läufe.

Den zweiten Lauf konnte ich tatsächlich für mich entscheiden, das war wohl die Kompensation für den dummen Fehler von vorhin. 

Im dritten Lauf ist mir der Start etwas misslungen. Kurz vor der Luvboje wurde es etwas eng und eine für mich unerwartete Vortrittssituation mit insgesamt 4 beteiligten Booten hat zu Problemen geführt. Im Ziel war ich zwar Vierter, musste aber am Abend an eine Protestverhandlung. Mein erster Protest seit ca. 35 Jahren, also seit der Opti-Zeit. Und dann auch noch auf Italienisch? Zum Glück hat sich Georg aus Österreich anerboten, die Übersetzung zu machen. Vielen Dank! Sonst wäre ich echt verloren gewesen. Von drei am Protest beteiligten Booten wurden zwei disqualifiziert. Mein Streichresultat war also schon am ersten Tag klar gesetzt.

Regattatag 2

Ein wunderschöner, recht gleichmässiger Wind stellte sich ein, und wir konnten bereits etwas früher als am Vortag auslaufen. Es wurden 3 schöne Läufe, welche alle über die volle Länge gesegelt werden konnten, bei geschätzten 8 – 10 Knoten Wind.

Ich musste etwas zurückhaltender starten als am ersten Tag, da ja der Streicher schon eingefahren war. An der ersten Luvboje war ich deshalb meist im Mittelfeld. Auf dem ersten Vorwind vom ersten Lauf hat sich zuerst der Schäkel des Niederholers verabschiedet, also von da an den Baum mit der Hand runtergezogen. Als sich dann im Anschluss auch noch der Schäkel, mit welchem der Ausbaumer am Mast befestigt ist, mit einem Knall verabschiedete, war definitiv basteln angesagt. Bei dieser Windstärke ist ja der Cunningham verzichtbar, also habe ich ihn ausgefädelt und mit dieser Leine die beiden Schäkel ersetzt. Interessanterweise, obwohl ich auf diesem Vorwind nie wirklich rausgeschaut habe, konnte ich den Platz im Feld halten.

In allen drei Läufen hatte ich jeweils auf der zweiten Kreuz eine glückliche Hand, und konnte immer bis auf den zweiten Rang aufholen. Einmal habe ich dann den führenden Antonio mit mehreren Wenden angegriffen, aber er verteidigte so konsequent, dass ich es wieder aufgab. Mit dem Streicher im Hinterkopf sollte man schon eher auf Sicherheit Segeln.

Am zweiten Tag merkte ich, dass der Speed auf der Kreuz noch nicht ganz stimmt. In gewissen Situationen bin ich gleich schnell wie die anderen Boote, in anderen aber langsamer oder kann die Höhe nicht halten. Aber so soll es ja auch sein. Es wäre seltsam, wenn man am Anfang in einem neuen Boot schon alles begreifen würde. Der Trimm dieses Bootes ist nicht ganz ohne, das braucht noch etwas Übung.

Um 15 Uhr war der 3. Lauf fertig, wir segelten alle in den Hafen, und es wurde zügig ausgewassert. Die Rangverkündigung war um 18 Uhr angesagt, und ich durfte überglücklich den 2. Preis entgegennehmen. Anschliessend hätte es noch einen Imbiss gegeben, ich musste jedoch am Montag arbeiten. So bin ich gleich losgefahren und um 01.45 Uhr erschöpft zu Hause ins Bett gefallen.

Fazit

Ein wunderschöner Ort zum Segeln, eine tolle Bootsklasse, und sympathische Mitstreiter!

Auf jeden Fall muss ich das nächstes Jahr wiederholen, dann klappt es hoffentlich auch mit dem Baden im Meer und dem Apérol Spritz.

Tipp für diejenigen welche noch nie dort waren: unbedingt die Familie mitnehmen und einen Kurzurlaub daraus machen, einen idealeren Ort dafür gibt es wohl nicht!

Eine Antwort auf „Regattabericht Trofeo Città di Jesolo 2021“

  1. Moin Urs!
    Gratulation zu deinem ausgezeichneten auch amüsanten Bericht und natürlich zu deinem hervorragenden 2. Platz bei deiner ersten richtigen 2.4mR Regatta! 😋
    Wir werden uns in Prien an der Startlinie treffen!
    Mit seglerischen Grüßen Wolfgang & Marianne (GER 81)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.